Sie hießen Lord Leigthon, Jan Matejko oder Franz von Stuck: Malerfürsten, die bis zum Beginn des I. Weltkriegs das öffentliche Leben mitbestimmten und die Kunstszene dominierten - ihre Bilder sind in der neuen Ausstellung in der Bundeskunsthalle zu sehen. Sie hießen Lord Leigthon, Jan Matejko oder Franz von Stuck: Malerfürsten, die bis zum Beginn des I. Weltkriegs das öffentliche Leben mitbestimmten und die Kunstszene dominierten - ihre Bilder sind in der neuen Ausstellung in der Bundeskunsthalle zu sehen. Salonbilder vermarkten und paralleles Net-Working, etwa durch eigene große Künstler-Feste und die komplette zur-Schau-Stellung des eigenen Lebensstils in Samt und Seide und mit dem in jedem Atelier vorhandenen ausgestopften Pfauen-Vogel. Das ging in den Jahrzehnten ab 1870 bis zum Ausbruch des I. Weltkriegs gut. Vor allem in den Zentren Wien, Budapest, Krakau, München. Das Publikum erwarten einige Highlights der Avantgarde in der Ausstellung. Friedrich August von Kaulbach setzte zum Beispiel die russische Zarin Alexandra in zauberhaftes Licht. Nach getaner Arbeit durfte er auch mit den Romanows frühstücken, erzählt die Schau. Ihm stand ebenso die deutsche Kaiserin Auguste Victoria geduldig Modell, zusammen mit Prinzessin Luise. Wer solchen Hochadel porträtieren darf, der repräsentiert selber die High Society. So porträtiert sich Franz von Lenbach selbst komplett in Rubens-Pose und Kleidung. Ein Vermarktungskonzept, dass über mehrere Jahrzehnte aufging. Die Bilder sind von unterschiedlicher Qualität, passten aber immer in dicke vergoldete und schnörkelreiche Rahmen und brachten den Malerfürsten große Summen ein. Die Bonner Ausstellung Malerfürsten präsentiert die akademische Malerei und feiert sie auch ein bisschen, diese lange verkannte parallele Welt zur Welt der Avantgarde. Krebserregende Chemikalien in Kleidung oder Spielzeug: 2015 nahm die EU mehr als 2000 gefährliche Produkte vom Markt. Kinderspielzeug war am häufigsten betroffen. Fast zwei Drittel der beanstandeten Produkte stammen aus China. Giftige Chemie im T-Shirt, Nickel und Blei im Modeschmuck, gefährliches Kinderspielzeug aus Fernost: Seit 2003 gibt es "Rapex", das Schnellwarnsystem der EU für gesundheitsschädliche Produkte im Bereich "Non-Food", also für alles, was kein Lebensmittel ist. Im Wochenrhythmus macht die EU-Kommission im Internet mit Bild und kurzem Steckbrief auf betreffende Waren aufmerksam. 31 europäische Länder melden ihre Erkenntnisse an die Brüsseler Zentrale, die die Liste ständig aktualisiert. Einmal im Jahr wird Bilanz gezogen. Aus Sicht von Verbraucherschutzkommissarin Vera Jourova ist "Rapex" eine Erfolgsgeschichte. Das System sorge dafür, dass Informationen über gefährliche Produkte innerhalb der EU rasch weitergeleitet würden. Es mache konkrete Gegenmaßnahmen einfacher. Und es schütze Europas Konsumenten. EU-Justizkommissarin Vera Jourova warnte die IT-Unternehmen davor, sich auf den Erfolgen auszuruhen. Beanstandete Güter werden so schnell wie möglich vom Markt genommen. Was kriminelle Hersteller natürlich nicht davon abhält, immer neue gefährliche Produkte in den Handel zu bringen. Insgesamt 2072 Meldungen hat "Rapex" im vergangenen Jahr registriert. Das sind deutlich weniger als noch 2014. In den Jahren zuvor waren die Zahlen fast durchgängig gestiegen. Das immerhin kann Verbraucherschutzkommissarin Jourova als erfreulich vermelden. Ansonsten kann von Entspannung aber keine Rede sein. Als deutlichsten neuen Trend in ihrem aktuellen Jahresbericht nennt die EU-Kommissarin eine wachsende Zahl von Produkten, die ein chemisches Risiko darstellen. Also Stoffe enthalten, die nicht hinein gehören und die gesundheitsschädlich sind. Diese "versteckte Gefahr", die Verbraucher selbst meist nicht erkennen könnten, betreffe 25 Prozent aller ausgesprochenen Warnungen und damit den größten Teil. Von Platz eins verdrängt wurde die Rubrik "Verletzungen", etwa durch scharfe Kanten, abbrechende Teile oder Elektroschocks. Um dem Gesundheitsrisiko Schadstoffe - etwa verbotene Weichmacher oder giftige Schwermetalle - zu begegnen, so Jourova, sei gute Marktbeobachtung durch die Behörden nötig sowie verlässliche Tests der Unternehmen. Das Bewusstsein dafür zu fördern, lässt sich die EU jährlich zweieinhalb Millionen Euro kosten. Gefährliches Kinderspielzeug: leicht entflammbare Plüschmaske, die schwere Verbrennungen im Gesicht verursachen kann. Gleich geblieben gegenüber früher ist die Rangfolge der Produkte, die regelmäßig auf der Rapex-Liste landen. Auch 2015 stand Kinderspielzeug wieder auf Platz eins - mit rund einem Drittel aller Meldungen. Dazu zählen etwa zu laute Handy-Attrappen, die das Gehör schädigen, oder Kuscheltiere, von denen sich leicht verschluckbare Kleinteile lösen können. Auf den Plätzen zwei und drei folgen die Gruppen "Bekleidung und Textilien" mit 17 Prozent sowie Motorfahrzeuge und Elektrogeräte mit jeweils rund zehn Prozent. Eine Entwicklung, die der EU in diesem Zusammenhang besonders zu schaffen macht, ist laut Kommissarin Jourova der Online-Handel. Rund zwei Drittel aller Verbraucher in Europa kaufen inzwischen überwiegend im Internet ein. Und es werden Jahr für Jahr mehr. Die Ware wird direkt per Post geliefert, was die Kontrollmöglichkeiten erheblich einschränkt. Hinzu kommt, dass mit 62 Prozent die mit Abstand meisten als gefährlich eingestuften Produkte nach wie vor aus China stammen. Dass die Volksrepublik seit Jahren ganz oben auf Liste der schwarzen Schafe steht, ist für die EU-Kontrolleure allerdings keine Überraschung. Schließlich werden von dort auch die meisten Güter in die Union eingeführt. Kommissarin Jourova möchte chinesische Produkte nicht pauschal schlechtreden. In Brüssel setze man lieber auf mehr Dialog mit Regierung und Herstellern, um Qualitätsniveau und Verbraucherschutz zu verbessern. Im Juni will die Tschechin selbst ins Reich der Mitte reisen, um mit ihren chinesischen Kollegen über das Thema zu diskutieren. Ziel ist es, das Frühwarnsystem "Rapex" auch dort populär zu machen und den Online-Handel für Produktsicherheit zu sensibilisieren. Für Jourova bleibt da auch in Europa noch eine Menge zu tun. Ein Lord in Damenunterwäsche, der offenbar Drogen nimmt und mit angeblichen Prostituierten verkehrt? Bilder und ein Video, die eine britische Boulevard-Zeitung am Sonntag veröffentlichte, zeigen genau das. Das Verhalten von Lord John Sewel war für das britische Oberhaus nicht mehr tragbar. Nun musste der Sprecher des House of Lords seinen Posten räumen. Seine spezielle Aufgabe im Oberhaus war es, für ordentliches Verhalten unter den Lords zu sorgen. Sprecherin des Oberhauses, Baroness D'Souza, was über Lord John Sewel bekannt wurde. Das Blatt "Sun on Sunday" hatte die Bilder und das Video veröffentlicht. Laut "Independent" bezeichnete Sewel Regierungschef David Cameron als "oberflächlichsten Premierminister aller Zeiten". Außerdem habe er den Londoner Bürgermeister Boris Johnson beleidigt. Die Polizei müsse die Vorwürfe dringend untersuchen, forderte D'Souza. Der Mann habe seinen Posten nun geräumt, bleibe aber Mitglied des Oberhauses. Ob er die Vorwürfe bestätigte oder von sich wies, sagte D'Souza nicht. Sewel war ein Minister und Vertrauter des ehemaligen Premierministers Tony Blair. Der 69-Jährige war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen. Am Textende gibt's eine Zusammenfassung. Denn noch etwas unterscheidet Aya Jaff von vielen Teenagerinnen: Sie ist ein Flüchtlingskind - ihre Eltern kamen 1996 aus dem Irak nach Deutschland, da war Aya ein Jahr alt. Ihr Vater arbeitet als Taxifahrer, die Mutter als Kassiererin. Beide mussten ihr Studium im Irak abbrechen, um zu fliehen. Rund zwei Millionen Menschen beantragten in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Deutschland Asyl. Die meisten Anträge wurden damals abgelehnt. Doch was wurde aus den Kindern derjenigen, die in Deutschland bleiben durften? Es gibt über Flüchtlinge in Deutschland bisher kaum Studien. Der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes unterscheidet zwischen Ausländern sowie Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund. Ob jemand als Flüchtling oder als Gastarbeiter ins Land kam, unterscheidet die Statistik nicht. René Leicht forscht an der Universität Mannheim zu Migranten auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Sie machen sich ihm zufolge häufiger als Durchschnittsdeutsche selbstständig. Studien über Flüchtlinge, die sich selbstständig gemacht haben, gebe es bisher keine. Die Geschichten von Flüchtlingen dürften sich stark unterscheiden je nach Herkunftsland und persönlicher Situation: Für manche war schnell klar, dass sie bleiben durften. Andere wurden Jahre oder sogar Jahrzehnte lang nur geduldet. Sie mussten stets damit rechnen, dass man sie irgendwann doch noch abschiebt. Solche Unsicherheit verleitet kaum dazu, sich auf Dauer etwas aufzubauen. Ein Herkunftsland sticht heraus, zumindest in der deutschen Start-up-Szene. Dort finden sich auffällig viele iranisch klingende Namen. Die jungen Männer und Frauen sind die Kinder derjenigen, die Iran nach der Islamischen Revolution 1979 verlassen haben. Ali Jelveh, 34, an die Flucht aus Iran. Er war damals drei Jahre alt. 1987 zog die Familie nach Hamburg. Die Flüchtlingserfahrung habe ihn geprägt, glaubt Ali Jelveh. Bahman Nedaei, 32. Seine Eltern sind 1986 aus Iran nach Aachen geflohen. Mit Zahir Dehnadi, 32, hat er Navabi gegründet, einen weltweit führenden Onlinehandel für Frauenmode in Übergrößen. Zusammen wollen sie die gängigen Schönheitsideale der Modeindustrie aufmischen. Warum, glauben die beiden, gibt es so viele iranischstämmige Flüchtlingskinder in der deutschen Start-up-Szene? Zahir Dehnadi. Für die Geflohenen war klar: Sie mussten nach vorne schauen. Es gab für sie keine Hoffnung auf eine baldige Rückkehr. Ein roter Faden zieht sich durch alle Gespräche mit den Flüchtlingskindern. Die jungen Unternehmer schöpfen aus ihrer Familiengeschichte Zuversicht und Mut. Zusammengefasst: Migranten machen sich häufiger selbstständig als Herkunftsdeutsche. Manche Flüchtlinge scheinen die Risikobereitschaft ihrer Eltern zu übernehmen: Die Eltern haben alles hinter sich gelassen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Kinder wollen diesen Traum erfüllen. Absolut lobenswert, dass jemand eine Winterplatte im Hochsommer herausbringt! Durch "Love Your Dum And Mad" weht ein so kühler Herbsthauch, dass man sogar in diesen aktuellen, asphaltschmelzenden Temperaturen ein wenig fröstelt. Sehr angenehm, das. Mit rauem Wetter sollte sich Nadine Shah auskennen: Ihre Familienwurzeln sind norgwegisch und pakistanisch, aufgewachsen ist sie aber in einem kleinen Nordsee-Küstendorf mit malerisch-schroffen Klippen nahe Newcastle. Die allseits ersehnte Happiness scheint ständig greifbar in diesen Liedern, doch im nächsten Moment ist sie schon wieder verflogen. AlunaGeorge, ein Londoner Duo, bestehend aus der Sängerin Aluna und dem Programmierer George Reid, wurden bereits Ende letzten Jahres unter anderem von der BBC und uns zum nächsten großen Ding erklärt. Fast acht Monate nach dem ersten Ausrufezeichen erscheint nun also auch das AlunaGeorge-Debüt "Body Music" und muss den Vorschusskredit einlösen. Tut' auch: Frischer, eingängiger, blauäugig-seelenvoller klang britische Popmusik schon lange nicht mehr. Wer AlunaGeorge hört, wird also intelligent und auf der Höhe der Zeit unterhalten, und das ist uneingeschränkt toll. Man wird aber auch nicht wirklich überfordert, denn "Body Music" ist zugleich so überleicht und locker wie einer dieser ganz in weiß beworbenen Raffaelo-Snacks - und streckenweise leider auch ebenso aseptisch. Werden AlunaGeorge dem Erwartungsdruck also auf Albumlänge nicht gerecht? Falsche Frage. Besser: Führt die momentane Tendenz, den Hype zu strapazieren, nicht zu einer Überreizung, von der am Ende weder Künstler, noch Plattenfirma profitiert. Album und AlunaGeorge ein aufregendes Pop-Projekt. Man wünschte nur, man hätte gerade eben erst zum ersten Mal davon gehört. Rats! Wer stört mich beim "Rock Of Love"-Gucken? Der weitgereiste und in mindestens sechs Meisterdisziplinen genialische Tex Rubinowitz natürlich. Tex hat die wertvollsten Informationen, die besten Geschichten, die demütigendsten und erhebendsten Erfahrungen und die äußerst seltene Gabe, Ereignisse so einzuordnen, dass sie gleichzeitig niemals und auf jeden Fall so stattgefunden haben könnten. Rückblende: Die allererste Mäuse-LP verkaufte damals 171 Einheiten; Kunststück, denn in den Läden wurde sie in der Märchenabteilung einsortiert - und die Leute dachten, es befänden sich erzählte Witze, etwa über Nilpferde und Nagetiere, auf der Platte. Der zweifelhafte Name Mäuse blieb an der Band über all die Jahre kleben wie Pech oder ein ausgetrocknetes Capri-Eis. Ein Hinweis auf Jeffrey Dahmer, der Löcher in Köpfe bohrte und Salzsäure reinträufelte, weil er dachte, er macht die Leichen so zu willenlosen ***zombies. Und bevor ich es vergesse: Dass die Musik zu "In der Schlichtheit liegt der verdorrte Pomp" von Agnetha Fältskogs Ex-Verlobtem Dieter Zimmermann kommt, ist für mich als ABBA-Überfan eine mehr als willkommene Zugabe. Schon seit vielen Jahren wacht der sanfte Riese Jan Schewe über sein durchaus nicht selten veröffentlichendes Label Affairs Of The Heart. Jetzt, im Juli 2013, hat er den großen Wurf gelandet. Sechsundvierzig Stunden vor dem Konzert, in dem Lucas Debargue den Franzosen beweisen will, dass er mehr ist als eine Geschichte, schlägt er vor, ins Pariser Rotlichtviertel zu gehen. Es ist kurz vor Mitternacht, in einem Bistro hat Debargue Kalbsfrikassee gegessen, Blanquette de veau, und lieblichen Rotwein getrunken. Lucas Debargue, 27, Bartflaum, Hornbrille, ist einer der großen Pianisten seiner Generation. Das sagen manche. Andere sagen, er sei ein Großmaul, faul und ein Lügner. In 46 Stunden soll dieser Mann eines seiner wichtigen Konzerte spielen. Vor 2400 Zuschauern, das G-Dur-Klavierkonzert von Maurice Ravel, begleitet von dem Orchestre national d'Île-de-France in einem der besten Konzertsäle der Welt. Die Kritiker im deutschen Feuilleton berichten, wenn sie über Debargue schreiben, von perkussivem Fingerspiel und filigraner Artikulation, von impressionistisch hingetupften Träumereien, gläsernem Ton, einem arpeggienhaften Bündeln der Läufe, besonders in der linken Hand. Debargue, das kann man wohl so sagen, spielt gut Klavier. Aber es ist schwierig, den Klang seines Spiels von seiner Geschichte zu trennen. Lucas wuchs auf nahe Villers-sur-Coudun in einem Dorf im Wald nördlich von Paris. Seine Mutter arbeitete als OP-Schwester, sein Vater als Kinesiologe. Die Eltern mochten Musik, sie hörten Radio und manchmal eine CD. Lucas lernte kein Instrument als Kind. Im Sommer, als er zehn Jahre alt war, ging er in sein Zimmer und setzte sich ans Mikroskop. Er erinnert sich an diesen Tag, an die Wärme, daran, wie Sonnenstrahlen auf die Baumblätter vor seinem Fenster fielen. Beim Mikroskopieren hörte Lucas gern Popmusik auf seiner Hi-Fi-Anlage. Im Hause Debargue existierte eine einzige CD mit Klassik, darauf war das C-Dur-Konzert KV 467 von Mozart. An diesem Tag schob Lucas die CD ins Gerät. Er schaute durch sein Mikroskop auf einen Insektenflügel. Er hörte seine ersten Takte Mozart. Er merkte, dass er anders war, und wollte das nicht, also redete er mit niemandem über Mozart. Erst als ein Freund ihm sagte, er bekomme Klavierstunden, bat Lucas seine Eltern darum, auch welche nehmen zu dürfen. Er ging zu einem Lehrer in seinem Dorf im Wald. Er spielte im eigentlichen Sinn des Wortes zu seinem eigenen Vergnügen. Dann trennten sich seine Eltern. Lucas wohnte danach jeweils eine Woche bei seiner Mutter und dann eine Woche bei seinem Vater. Am Klavier vergaß er seine Traurigkeit. 44 Stunden vor dem Konzert in der Philharmonie spaziert Debargue durch den Stadtteil Pigalle in Paris. Er zeigt auf einen Nachtklub, da könne man nackte Frauen anschauen, aber das sei teuer. Da hinten, das rote Licht, das sei das Moulin Rouge, und da, schau mal, eine Ratte im Gebüsch. Vor einer schummrigen Bar, dem Le Chat Noir, bleibt Debargue stehen und schaut durch die Scheibe. In dieser Bar im Rotlichtbezirk verdiente er einige Monate lang sein Geld. Die Decken auf den Tischen sind rot kariert, auf der Speisekarte steht ein Chuck-Norris-Hamburger. Debargue spielte hier fünf Abende die Woche, Ragtime und Britney Spears, bekam 60 Euro dafür und ging nach den Liedern mit einem Trinkgeldbecher herum. Debargue betritt die Bar, niemand von früher arbeitet noch hier. Er trinkt ein Bier, dann spaziert er leicht angetrunken durch die regennasse Pariser Winternacht. Er redet über Russland, die Vorzüge belgischen Bieres der Marke Leffe, er redet über die Straße, auf der er geht und die er die "Magic Street" nennt, und über Frauen. Dann macht er sich ein paar Gedanken über Tinder, die Dating-App. Er fragt sich, was er da angeben soll, dass er sich für Gustav Mahler, für Literatur und Religion interessiere und Klavierspieler sei? Er sei einsam, ja, aber das sei für ihn auch nicht die Zeit für Zweisamkeit, sagt er. Als Jugendlicher, als Lucas aufs Lycée kam, spielte er gut Klavier, er war nicht fleißig, aber er hatte Talent, und er mochte Mozart. Am Lycée traf er neue Freunde, sie entschieden, dass es eine feine Sache sei, eine Rockband zu gründen, damit die Mädchen auf den Partys zu ihrer Musik tanzten. Bei der ersten Probe überlegten die Jungs, welche Instrumente sie brauchen. Für ein Klavier fanden sie keine Verwendung. Lucas spielte zwei Jahre lang Bass in der Band. Das Klavierspielen ließ er sein. Die Band traf sich jeden Samstag, die Jungs tranken Wodka und Bier und probten, bis sie zu betrunken waren, um ihre Instrumente zu halten. Auf den Partys tanzten die Mädchen. Auf den Tasten von Lucas' Klavier sammelte sich Staub. Als er 17 Jahre alt war, an einem Sommertag, traf Lucas auf einer Parkbank eine junge Frau, fast noch ein Mädchen. Sie hatte kanariengelb gefärbte Haare. Lucas las ihr ein Gedicht vor, das er geschrieben hatte, und sie fragte ihn, ob sie eine Abschrift bekomme. Lucas nannte das Mädchen Marguerite, obwohl sie anders hieß, sie fand das schön. Lucas und Marguerite zogen nach Paris, weil Marguerite das wollte. Lucas verließ seine Rockband. Die Musik in seinem Leben war jetzt Marguerites Lachen. Er schrieb sich für ein Studium der Literatur ein und las Balzac. Marguerite und er hatten kaum Geld. Sie sagte ihm, sie habe einen Mann getroffen, der sie bezahlen wolle, wenn sie ihm nackt vorlese. Lucas begann eine Arbeit als Kassierer in einem Monoprix-Supermarkt, damit Marguerite angezogen bleiben könne. Als Lucas 19 Jahre alt war, erfuhr er durch einen Freund, dass Marguerite ihn mit zwei Männern gleichzeitig betrog. Lucas lief stundenlang durch die Stadt, er trank. Er ernährte sich von Brot und Kartoffeln, weil er kein Geld für besseres Essen hatte. Er zog in ein Zimmer in der Nähe einer Schnellstraße, das so flach war, dass sein Kopf die Decke berührte. Nachts lag er wach und versuchte, sich vorzustellen, das Verkehrsrauschen wäre das Meer. In einer dieser Nächte, da war er 20, ging er spazieren, weil er traurig und die Nacht so heiß war, dass er wusste, er würde schlaflos bleiben. Er lief durch eine Gasse nahe der Kathedrale Notre-Dame und hörte aus dem offenen Fenster einer Bar Musik. Er kannte das Stück, es war Beethovens "Appassionata". Er ging in die Bar, er wartete, bis die Frau am Klavier eine Pause machte, und bat sie, nachdem er lange verstummt war, ob er spielen dürfe. Die Musik war zurück. Ein Nachbar erzählte ihm von einem Lehrer in einem Außenbezirk. Lucas ging hin, ohne ein Ziel mitzubringen. Here is my blog post :: Matterhorn großhandel